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Stand: 06.04.2007
´VektorzeichnungSkizze mit Ebenen
Salonwagen Salon 4ü-35

Wagennummer: 10 201 Bln
Im Jahr 1934 begann für die Deutsche Reichsbahn ein neues Kapitel in der mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Geschichte der Gesellschaft. Nachdem die Reisetätigkeit der Reichsregierung spürbar anstieg und die mittlerweile recht alten Salonwagen aus der Länderbahnzeit (der überwiegende Teil stammte noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg) hinsichtlich Ausstattung und Komfort nicht mehr zeitgemäß waren, sah sich die Reichsbahn gezwungen, neue Salonwagen zu beschaffen und bestellte daraufhin bei den beiden Kasseler Waggonfabriken Wegmann & Co. und Gebrüder Credé jeweils eines dieser speziellen Fahrzeuge. Es sollte erst der Anfang einer ganzen Reihe von Bestellungen dieser Art sein.
Wegmann & Co. gebührte die Ehre, den ersten Salonwagen mit der Nummer 10 201 Bln auf die Gleise stellen zu dürfen. Anders als es seine Gattung vermuten ließe, wurde der Wagen tatsächlich bereits im Jahr 1934 an die Reichsbahn übergeben. Äußerlich entsprach er dabei den als "Bauart 35" bezeichneten neuen Schnellzugwagen jener Tage und war mit ungeschultem Auge erst auf den zweiten Blick von diesen zu unterscheiden, denn selbst die Lackierung wich in keinem Detail vom damaligen Farbschema für Reisezugwagen ab (Wagenkasten: Braungrün, Dach: Graualuminium, Untergestell: Schwarz). Am ehesten fiel der Sonder- status wahrscheinlich durch die unregelmäßige Fensteranordnung auf.

Bei der Aufteilung des Grundrisses orientierte man sich einerseits an älteren Fahrzeugen der Länderbahn-Ära und andererseits versuchte man, mit neuen Ideen neue Wege zu beschreiten. So war im ersten Abteil des 10 201 Bln statt des üblichen Bettes ein Schlafsessel untergebracht, der für eine Übernachtung ausgezogen werden konnte. Als Nebeneffekt hiervon war es möglich, sowohl eine Abteiltür zum Salon als auch eine zum Seitengang unterzubringen. Ansonsten war die Anordnung der einzelnen Räume durchaus erprobt.
Am Nichthandbremsende war der Einstiegsraum zu einem kleinen Vorsalon hergerichtet worden, dem sich, abgetrennt durch eine zusammenklappbare Glas-Trennwand, der Salon anschloß. Vom Salon aus konnte man (wie bereits erwähnt) den ersten Schlafraum und den Seitengang betreten, wobei letzterer wiederum die restlichen Abteile erschloß. Einzig das mittlere Abort konnte ausschließlich über einen kleinen Zwischengang betreten werden, der wiederum die beiden großen Schlafräume untereinander verband. An den zweiten Schlafraum schlossen sich weitere drei Abteile an, die jedoch jeweils mit zwei (übereinander liegenden) Betten ausgestattet waren, wobei die ersten beiden so eingerichteten Abteile durch das Öffnen der z-förmigen Zwischenwand miteinander verbunden werden konnten. Nach dem (somit) insgesamt fünften Schlafraum folgten noch das Abteil für den Wagenbegleiter, ein Ofenraum, das Endabort sowie zu guter Letzt der zweite Einstiegsraum am Handbremsende. Diese Anordnung findet sich grundsätzlich auch bei dem von Credé gebauten Wagen 10 202 Bln wieder.

Verwendung und Umbauten bis 1945
In der Anfangszeit nach Lieferung stand der 10 201 Bln vermutlich überwiegend für Hermann Göring, seinerzeit Ministerpräsident Preußens, zur Verfügung. Allerdings kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht von einem wirklichen Salonwagen- oder Dienstzug gesprochen werden, vielmehr wurde er zumeist an Regelzüge angehängt. Seine erste Fahrt für Göring führte den 10 201 Bln am 13. und 14. Dezember 1934 von Berlin-Friedrichstraße über Hannover nach Eldagsen und zurück. Es steht zu vermuten, daß der Wagen bis 1937 verschiedentlich auch von anderen Ministern der Reichsregierung benutzt wurde. Nach der Lieferung der Wagen 10 202 Bln und 10 203 Bln sind auch Einsätze im Verband möglich gewesen, was eventuell auch vereinzelt erfolgt sein könnte.
Im Jahr 1936 wurde ein erster Umbau am Wagen vorgenommen, dabei entfernte man im Schlafraum 1 den Schlafsessel sowie die Tür zum Salon, so daß nun wie im zweiten Abteil ein Querbett eingebaut werden konnte. Dieser Umbau war notwendig geworden, da der Schlafsessel zu keiner Zeit den Anforderungen der Nutzer genügte. Spätestens bei gleicher Gelegenheit wurde zudem eine Dachantenne montiert und die Rundfunkanlage erneuert.
Mit der Ablieferung des "Dienstzuges 1937" stand ab September 1937 ein neuer Salonwagen für Göring zur Verfügung und so erhielt der Wagen eine neue Aufgabe, über die bislang leider nur wenige konkrete Daten vorliegen. Denkbar wäre beispielsweise, daß der 10 201 Bln von diesem Zeitpunkt an einem anderen Nutzer ständig zugeteilt wurde, jedoch wäre genauso eine Verwendung im Einzeldienst denkbar (einige wenige Einsätze sind belegt, so zum Beispiel für eine Reise des Außenministers von Ribbentrop im Januar 1939 nach Warschau).
Im Jahr 1939 unterzog man den 10 201 Bln beim Herstellerwerk in Kassel einem umfangreichen Umbau, bei dem sich unter anderem grundlegende Änderungen am Wagenkasten ergaben. Ziel war es, den 10 201 Bln (wie auch bereits bei den Wagen 10 202 Bln bis 10 204 Bln geschehen) so weit wie möglich an die Schürzenwagen anzupassen. Um dies zu erreichen, wurden neue Kopfstücke mit entsprechend über den Wagenkasten hinaus verlängerten Windschürzen angefertigt und montiert, gleichzeitig erhielt der Wagen unterhalb des Längsträgers eine Schürze zur Drosselung des Luftwiderstandes (zumindest laut einem Vermerk des RZA Berlin vom 28.6.1943). Ursprünglich war zudem vorgesehen, die Drehgestelle zur Steigerung des Laufkomforts bei Linke Hofmann in Breslau mit einer vierten Federung ausrüsten zu lassen. Vermutlich aufgrund der Zeitumstände (Knappheit an Salonwagen aufgrund des anstehenden Krieges) erfolgte diese Maßnahme jedoch nicht mehr. Gleiches gilt auch für einige weitere Punkte wie z. B. den Umbau der Beleuchtungsanlage von 24 V auf 110 V Spannung (alle ab 1937 beschafften Wagen waren bereits auf eine Betriebsspannung von 110 V ausgelegt), wenngleich die dafür benötigten Ausrüstungsgegenstände bereits im März und April 1939 von der hierfür zuständigen Firma Pintsch an Wegmann geliefert worden waren. In wie weit die bei gleicher Gelegenheit vorgesehene Auffrischung der Inneneinrichtung tatsächlich vollzogen wurde, ist bis dato noch unklar.

Derart hergerichtet wurde der 10 201 Bln in den Zug "Heinrich" eingestellt und stand ab da (eventuell erneut) ständig dem Außenminister von Ribbentrop zur Verfügung. Dieser Zustand sollte jedoch nicht sehr lange anhalten, da dem Auswärtigen Amt ab Frühjahr 1940 mit dem 10 213 Bln ein neuer Salonwagen zur Verfügung stand. Allerdings verblieb der 10 201 Bln im Zug "Heinrich", nun allerdings als Salonwagen für Himmler. Doch auch dies sollte nicht von Dauer sein, da im September 1943 mit dem 10 214 Bln ein neuer Salonwagen für Himmler ausgeliefert wurde, der gegenüber dem 10 201 Bln mit einigen Komfortverbesserungen aufwarten konnte, so besaß er beispielsweise eine (Sitz-) Badewanne. Kurz vor der Ablösung ergab sich jedoch noch eine weiterer Umbau am 10 201 Bln, der im Prinzip nur eine Weiterführung der für 1939 vorgesehenen Arbeiten bedeuten sollte: Ende Juni 1943 ging der Wagen dem Raw Potsdam mit einem Brandschaden im Ofenraum zu. Bei dieser Gelegenheit wurde mitgeteilt, daß das Fahrzeug nach wie vor Drehgestelle ohne vierte Federung besitzt und auch die Stromversorgung noch nicht auf eine Spannung von 110 V umgestellt wurde. Das Reichsverkehrsministerium entschied daraufhin, die Drehgestelle sofort LHW zum Umbau zuleiten zu lassen, die Beleuchtungsanlage jedoch vorerst auf 24 V-Basis bestehen zu lassen. Nach dieser Entscheidung rüstete das Raw Potsdam im Juli 1943 einen im Werk vorhandenen Reserve-Drehgestellsatz (inkl. 4. Federung) mit Generatoren für 24 V aus und setzte die so hergerichteten Drehgestelle vorläufig dem 10 201 Bln unter. In diesem Zustand dürfte der Wagen danach ein letztes mal in den Sonderzug "Heinrich" eingestellt worden sein.
Mitte Oktober 1943 wird dem Reichsverkehrsministerium (RVM) gemeldet, daß der 10 214 Bln mittlerweile zur Verfügung stehe und der 10 201 Bln somit frei geworden sei. Daraufhin wird entschieden, den Umbau der Spannungsversorgung auf 110 V sowie alle übrigen im Jahr 1939 zurückgestellten Arbeiten nunmehr doch in Angriff zu nehmen und die seit Juli 1943 verwendeten Reserve-Drehgestelle unter dem Fahrzeug zu belassen. Letzteres war möglich, da sich über die Jahre gezeigt hatte, daß vom Raw Potsdam keine kompletten Drehgestelle als "Ersatzteil" benötigt werden. Der Auftrag zur Umrüstung der Originaldrehgestelle wurde daraufhin zurückgezogen. Die Durchführung der Umbauarbeiten wurde - anders als 1939 - der Regierungswagenabteilung des Raw Potsdam übertragen.
Zu eben jener Zeit kamen Überlegungen auf, den Wagen nach Abschluß des Umbaus dem Leiter der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, als Ersatz für den 10 396 Bln zur Verfügung zu stellen. Aus verschiedenen Gründen kam dies jedoch nicht zustande, zumal der 10 201 Bln erst Mitte August 1944 fertiggestellt war und dem Bww Yorckstraße somit auch erst wieder am 31.08. zur Verfügung stand. Im Abschlußbericht des RZA Berlin tauchen indes in der Aufstellung der vom Raw Potsdam ausgeführten Arbeiten zwei Positionen auf, die ein wenig rätselhaft erscheinen: "Anbau einer Wagenschürze mit Klappen" und "Einbau der Nischen für Oberwagenlaternen". Zumindest bei der letzten Angabe sind Zweifel angebracht, existiert doch ein Foto aus dem März 1941, auf dem mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Teil des Daches des 10 201 Bln zu sehen ist - inklusive der Dachnischen für die Zugschlußsignale. Ähnlich verhält es sich mit dem Anbau der Schürzen, denn wie weiter oben bereits erwähnt, läßt ein Vermerk von Ende Juni 1943 vermuten, daß bereits vor dem Umbau 1943/44 eine Schürze vorhanden war. Möglicherweise handelt es sich also bei den beiden beschriebenen Maßnahmen nur um Änderungs- und/oder Anpassungsarbeiten.
Bei Kriegsende befand sich der 10 201 Bln im US-amerikanischen Sektor und wurde recht bald durch die US Army beschlagnahmt. Anfang der fünfziger Jahre erfolgte die Rückgabe an die Deutsche Bundesbahn.

Weiterführende Links
 Weitere Werkfotos des Wagens
 Übersichtsskizzen
 Einsätze bei den Alliierten Streitkräften
 Der Wagen 10 201 bei der Deutschen Bundesbahn
 Zur Übersicht der heute noch vorhandenen Neubausalonwagen
 Quellenangaben
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Technische Daten
Herstellerwerk Wegmann & Co., Kassel
Baujahr 1934
Beschafft auf Vertrag 03.966 / 26.359
Eigengewicht (bei Lieferung) 47,0 t
Eigengewicht (nach Umbau 1939) 56,0 t
Länge über Puffer 23.076 mm
Länge des Wagenkastens (ohne Schürzen) 21.776 mm
Drehzapfenabstand 16.180 mm
Größte Breite des Wagenkastens 2.880 mm
Wagenhöhe über Schienenoberkante 3.933 mm
Fußbodenhöhe über Schienenoberkante 1.240 mm
Drehgestellbauart (vor Drehgestelltausch 1943) Görlitz III schwer
Drehgestellbauart (nach Drehgestelltausch 1943) Görlitz III schwer 4.Federung
Drehgestellachsstand 3.600 mm
Generatorbauart (vor Drehgestelltausch 1943) Generator mit Kettenradantrieb Dps
Generatorbauart (nach Drehgestelltausch 1943) Tatzlagergenerator ZOG 181
Bremsbauart Kksbr, Hnbr, Avsbr 02 (Hardybr) *
Heizungsbauart Whzde, Ofen
Beleuchtung Elektrisch
Schlußsignalhalter (vor Umbau 1939) Angesetzt
Schlußsignalhalter (nach Umbau 1939) In Dachnischen verlegt
Dachlüfter Einfache Wendlerlüfter 16 Stück
Abteile Vorsalon 1x
Salon 1x
Schlafräume einbettig 2x
Mittelabort 1x
Schlafräume zweibettig 3x
Wagenbegleiterraum 1x
Ofenraum 1x
Endabort 1x
Einstiegsraum 1x

* Laut "Die Einheits-Personen- und Gepäckwagen der Deutschen Reichsbahn, Bauarten 1932-1937" (S. 181) erhielt der Wagen 10 201 Bln die Brems-Bauarten Kksbr, Hnbr und Avsbr 02, in einer Aufstellung der Rbd Berlin vom 19. Oktober 1938 werden für den Wagen jedoch Kksbr, Hnbr und Uvsbr 02 genannt. Auf der Werkaufnahme des Wagens 10 201 Bln werden im Anschriftenfeld die Bauarten Kksbr, Henrybr (= Hnbr) und Hardybr aufgeführt, was eher für Avsbr 02 denn für Uvsbr 02 spricht.
10201 Bln, Salon4ü-35, Berlin, Salonwagen